Kreuzritter in England

Dezember 21st, 2008

Auf dem Flug nach Manchester habe ich genügend Zeit zum Lesen, nicht zuletzt wegen einer Überfüllung des Flugraums, die uns eine zusätzliche Stunde auf der Startbahn in München festhält. Meine Lektüre ist DIE GESCHICHTE DER KREUZZÜGE von Steven Runciman, ein umfangreicher, hervorragend geschriebener Wälzer aus den 50er Jahren, der durch sein Gewicht allein schon für Übergepäck sorgt. Er inspiriert mich zu einem neuen Romanprojekt, zu dem Szenen, Plotwendungen und Charaktere seitdem fleißig durch mein Bewußtsein schweben.

Die Umgebung meines Wirkungsortes hier in England ist zwar nicht sonderlich mittelalterlich (ein riesiges neues Gewerbezentrum mit tatsächlich sehr schön angelegten Grün- und Wasseranlagen); dafür nehmen meine Kollegen mich zum Pasta-Essen mit, und ich habe das seltsame Vergnügen, mein Abendessen in England auf Italienisch zu bestellen. Natürlich tue ich das nur, um den Neid der englischen Kollegen hervorzurufen …

Wie es aussieht, habe ich keine größeren Fettnäpfchen getroffen während meiner beiden Tage hier. Michael, ein Kollege aus Irland, hat versprochen, mir einen “nudge” zu geben, wenn ich mich versehentlich unenglisch benehme. Bis jetzt konnte ich die freundlichen Rippenstöße noch vermeiden.

Und in meinem Unterbewußtsein melden sich hartnäckig die Herren Godefroy de Bouillon, Raymond de Toulouse und Bohemund von Sizilien, weil sie in meinem neu entdeckten Romanprojekt eine Rolle spielen wollen.

Abfendt!

Dezember 21st, 2008

Wer des Bayrischen nicht mächtig ist noch Gerhard Polt jemals erlebt hat, wird mit der Überschrift zu diesem Beitrag nicht viel anfangen können, fürchte ich. Natürlich heißt es: Advent! Gell …! 🙂

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Der nachgemachte Teufel

November 27th, 2008

Ich weiß schon, ich sollte hier viel öfter vorbeischauen, aber glauben Sie mir – ich hab einfach keine Zeit. Dabei verstehe ich das gar nicht; ich bin doch derzeit nur Buchautor, Artikelschreiber, Familienvater, Projektberater und Marketing-Coach, da müsste doch jede Menge Zeit übrig bleiben. Wahrscheinlich mache ich was falsch; wahrscheinlich sollte ich mir endlich abgewöhnen, zwischendurch ins Bett zu gehen.

Aber eigentlich wollte ich mich darüber gar nicht auslassen, sondern Ihnen die Teufelsbibel II vorstellen. Nicht mein neues Buch (das heißt DIE WÄCHTER DER TEUFELSBIBEL, und diesen eleganten Übergang vom Blog zur Schleichwerbung zu finden hat mich fünf Minuten Nachdenken gekostet), sondern die Kopie des Codex Gigas, die anläßlich der Olmützer Buchmesse angefertigt worden und deutlich einfacher zugänglich ist als das Original (s. meine Einträge aus der Reise nach Prag weiter unten). Wie auch immer, die Kopie gibt uns einen kleinen Eindruck, wie die Teufelsbibel ausgesehen haben könnte, als sie noch keine achthundert Jahre alt war, wobei der weiße Ledereinband natürlich Ratewerk ist. Der Einband des Originals stammt nämlich nicht aus dem 13., sondern aus dem 18. Jahrhundert, in dem Restaurierungsarbeiten vorgenommen wurden,  und wir Heutigen können nur hoffen, dass der Buchbinder damals sich wenigstens halbwegs an die Vorlage gehalten hat. Wie auch immer – so sah die Teufelsbibel womöglich aus, als der Teufel die Feder weglegte, das Buch zuklappte und zufrieden war, sein nächtliches Werk vollendet zu haben.

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Glasknochen

Juni 26th, 2008

Seit Wochen versuche ich Zeit zu finden, die Einträge in diesem Blog fortzusetzen. Nicht, dass ich nicht plötzlich einen Haufen Zeit hätte. Das liegt zum einen daran, dass das Manuskript für mein neues Buchprojekt DIE WÄCHTER DER TEUFELSBIBEL überarbeitet und abgegeben ist; hauptsächlich aber an dem Umstand, dass ich die Haltbarkeit meiner Knochen etwas überschätzt habe.

Mit anderen Worten: man sollte sich vermutlich nicht in eine Kinderrutsche zwängen, wenn man schon über vierzig ist.

In Österreich in der Nähe von Schärding gibt es eine Attraktion namens Baumkronenweg. Man wandert auf Baumwipfelhöhe eineinhalb Kilometer durch den Wald, auf einer eigens dafür errichteten Brückenkonstruktion, die an der höchstens Stelle 22 m über den Waldboden ragt. Am Ende der Konstruktion kann man entweder die Treppen nach unten nehmen oder die besagte Kinderrutsche.

Die Rutsche sah ziemlich steil aus.

Aber Sohn Nr. 2 wollte unbedingt rutschen, und was tut man nicht alles als Papa, wenn man die Sorge hat, der Filius könnte in der Rutsche steckenbleiben. In meinem Fall war das, was ich tat, hinterher zu rutschen.  Irgendwo zwischen Himmel und Erde touchierte mein rechter Fuß die Wand der Röhrenrutsche, vermutlich in der Rille eines der Röhrensegmente, und das Nächste, das ich wußte, war, dass ich meine Schuhsohle sehen konnte, wenn ich an meinem rechten Bein hinunterspähte. Es tut dem eigenen Ego nicht gut, wenn ein Körperteil an einem dranhängt, als gehöre es jemandem anderen. Ich beendete die Rutscherei eher schockiert, wurde nach einigen schweißtreibenden Minuten von einem Notarzt versorgt, in einen Krankenwagen verpackt und in die Klinik nach Passau eingeliefert. Seitdem ist mein Körper um sieben Schrauben und eine Metallschiene reicher, und unser Haushalt weist zusätzlich zum üblichen Gerümpel zwei Krücken auf, mit deren Hilfe ich derzeit die Welt erkunde.

Sollten Sie demnächst in einem meiner Bücher lesen, wie der Held sich in schier unbeschreiblichen Schmerzen auf dem Boden windet, weil er sich den Haxen gebrochen hat, wissen Sie, dass ich aus eigenem Erleben geschrieben habe.  Ich werde meinen Helden aber zuvor eine richtige Heldentat vollbringen lassen. Glauben Sie mir, wenn man gesteht, dass man in der Kinderrutsche hängengeblieben ist, braucht man nicht nur für den Spott nicht zu sorgen, sondern spottet auch jeder Beschreibung.

In diesem Sinne – Hals- und Beinbruch!

2 + 2 = 5

Juni 26th, 2008

Neulich haben wir unserem Sohn Nr. 1 für einen Schulausflug eine in Plastikfolie verpackte Brotzeit gekauft (Sohn Nr. 1 ist Salami-Fan). Die Zutatenliste sagte unter anderem Folgendes:

“100 g Putensalami werden aus 68 g Putenfleisch und 56 g Schweinefleisch hergestellt.”

Hmmm …

Verteufelte Reise

April 28th, 2008

Der Beruf eines Autors, der seine Themen und seine Leser ernst nimmt, bringt etliches an Reisetätigkeit mit sich – Recherchen, Lesungen, Vorträge, Messebesuche. Gehen Sie also bitte davon aus, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn ich die Aussage treffe, dass das Spannendste an einer Reise mit Flugzeug oder Bahn die Frage ist, ob man überhaupt ankommt. Habe ich etwas von „pünktlich“ gesagt? Ich bitte Sie …!

Vor ein paar Tagen bin ich der Einladung meines tschechischen Verlegers zur Buchmesse nach Prag und zu einem Besuch in Brünn gefolgt; der Verlagssitz befindet sich dort. Mit dem Auto würde die Fahrt von meiner Heimatstadt nach Brünn ca. 6 Stunden dauern. Mit dem Zug: 8 Stunden aufwärts. Mit dem Flieger: no chance whatsoever, aber darauf werde ich noch zurückkommen. Lassen Sie mich ein Drama in mehreren Akten ausbreiten:

 

1. Runter kommen sie immer 

Da ich meiner Familie nicht eine ganze Woche lang den fahrbaren Untersatz entziehen wollte, entschloss ich mich – nicht zuletzt angesichts der langen Zugfahrzeiten – zu einem Flug von München nach Prag. Abflugzeit: 06.55 Uhr, mithin der erste Flug des Tages. Die Verspätung betrug daher auch nur eine halbe Stunde, vielleicht heizte die Kaffeemaschine nicht schnell genug auf, was weiß ich. Nach zwanzig Minuten Flugzeit meldete sich der Kapitän, aber nicht wie üblich mit dem Wetterbericht vom Zielort, sondern um uns mitzuteilen, dass wir wieder umkehren würden. Auf der rechten Seite schlossen sich die Klappen des Fahrwerkschachts nicht. Während die Maschine sich in die Kurve legte, hatten wir Zeit darüber nachzudenken, ob dieser Defekt etwa auch bedeuten würde, dass das gesamte rechte Fahrwerk ausgefallen sei. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was mein Freund Ralph, der zwanzig Jahre lang Tornado-Pilot bei der Bundeswehr gewesen ist, über Landungen mit defektem Fahrwerk erzählt hatte. Würde der Pilot versuchen, auf dem Bauch zu landen, oder würde er das Flugzeug so lange wie möglich auf zwei Punkten stabil zu halten und erst im letzten Moment den rechten Flügel auf der Landebahn aufschlagen lassen? Solche Gedankenspiele sind immer sehr anregend, wenn man sie zwischen einem Glas Rotwein und dem Warten auf den Nachtisch anstellt, auf der sicheren Erde selbstverständlich.

Flugzeug und Insassen blieben an einem Stück; eine Stunde nach dem Abflug standen wir schon alle in der Schlange vor dem Service Center von Lufthansa. Der nächste Weiterflug um 11.20 Uhr war bereits ausgebucht, für 17.45 Uhr galt dasselbe, und für den 06.55 Uhr-Flug am nächsten Morgen bot man mir einen Platz auf der Warteliste an. Warteliste bedeutet, dass man nötigenfalls in 10 Minuten am Gate sein muss, wenn man das Glück hat, mitzudürfen. Ich brauche ca. 45 Minuten, um von zu Hause aus den Flughafen München zu erreichen. Eine Übernachtung im Aktenschrank des Lufthansa Service Center zog ich nicht in Betracht; aber durch den Wartelistenplatz verlor ich auch das Anrecht, zum selben Preis einen noch späteren, nicht ausgebuchten Flug zu erhalten. Der neue Preis betrug etwas das Doppelte des alten Preises, und der war schon nicht eigentlich günstig gewesen.

Ich beschloss, mit der Bahn zu fahren.

 

2. Alle Wetter – die Bahn 

Das Warten beim Service Center, das sich daran anschließende Warten auf meinen Koffer (der beschädigt war, als ich ihn endlich in die Arme schließen konnte) und die Rückfahrt zu meinem Wohnort hatten eine Ankunft in Brünn am gleichen Tag unmöglich gemacht. Nach Rücksprache mit meinem Verleger peilten wir eine Anreise am Folgetag an. Ich vertraute mein Geschick dem Personal am Fahrkartenschalter der Bahn an und erfuhr, dass es eine Direktverbindung nach Prag gäbe, von dort eine Weiterfahrt nach Brünn, alles in allem elf Stunden Fahrt. Wissen Sie noch, wie lange es mit dem Auto dauert? Genau. Mit dem Auto wäre ich in der Zeit hin und wieder zurück gekommen, ein Ticket wegen zu schnellem Fahren eingeschlossen. Ich bat resignierend um eine Fahrkarte.

Während des Versuchs, die Reservierung vorzunehmen, fiel der Bahnbeamtin eine Meldung auf: Baustelle – genau auf meiner Strecke. Der Zug würde nicht bis Prag, sondern nur bis Pilsen fahren, von dort aus gäbe es Schienenersatzverkehr, also die Postkutsche oder etwas Ähnliches. Mindeste zusätzliche Reisezeit eine weitere Stunde, längere Verzögerungen müssten aber einkalkuliert werden.

Ich beschloss, nicht mit der Bahn zu fahren und die Reise abzusagen.

Gegen Abend und nach vielen Bitten meines Verlegers, meinen Messeauftritt doch noch möglich zu machen, fiel mir ein, dass es statt der Variante München – Prag – Brünn auch die Möglichkeit München – Wien – Brünn geben musste. Das Internet bestätigte meinen Verdacht. Warum das Auskunftspersonal nicht darauf gekommen war, entzieht sich meiner Kenntnis, umso mehr, da diese Verbindung regulär nur acht Stunden dauert – drei weniger als die Direktverbindung. Weshalb das wiederum so ist, muss mit dem Relativitätsgesetz zusammenhängen und der Krümmung des Einsteinschen Raums.

Ich beschloss, doch nicht abzusagen, sondern die Wien-Variante zu wählen.

 

3. Ein Zug ist ein Zug ist ein Zug 

Stellen Sie sich vor: denselben Fahrkartenschalter, denselben reisewilligen Autor, eine andere Schalterbeamtin, der folgende Morgen. Man kann kein Ticket nach Brünn buchen, weil der Regionalexpress zwischen Wien und Brünn reservierungspflichtig ist, und diese Reservierung kann die Deutsche Bahn nicht vollziehen. Man müsse in Wien beim Fahrkartenschalter anrufen. War Ihnen klar, dass die Bahnbeamten mit ihren Terminals zwar jede Telefonnummer jedes Bahnhofs in Deutschland herausfinden können, aber keine einzige im Ausland, und dass die Terminals auch keinen Internetanschluss haben, wo man die fragliche Nummer in dreikommasieben Sekunden ergoogelt hätte? Einen Anruf bei der Telefonauskunft und mehrere hundert Klingeltöne am Schalter in Wien später erhielt ich die Auskunft, dass man keine telefonischen Reservierungen für den gleichen Tag vornehmen könne. Man müsse schon vor Ort … aber man sei gewarnt, weil der Zug erfahrungsgemäß sehr voll sei und es sein könne, dass man keinen Platz mehr bekomme, wenn man zu spät am Banhof erscheine. Mein Angebot, dann eben stehend von Wien zu Brünn zu reisen, fiel auf taube Ohren. In einem königlich-kaiserlichen Zug sitzt man, oder man bleibt zu Hause, host gheat!

Ich beschloss, mein Glück zu riskieren.

 

 

4. Wo sind die Milliarden vom Transrapid? 

Die von mir gebuchte Reise beinhaltete einen Umstieg vom Regionalexpress auf den ICE im schönen Plattling. Zeit für diesen Umstieg: sechs Minuten. Fünf Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit informierte mich ein Lautsprecher darüber, dass mein Regionalexpress ca. fünf Minuten Verspätung habe. Nach diesen (angekündigten) fünf Minuten traf er dann auch ein, ich begab mich auf einen Platz, hoffend, dass er die fehlenden vier Minuten (= Saldo zwischen der Gesamtverspätung und meiner Umstiegszeit) noch irgendwie reinholen würde.

Im Übrigen ist das alles nicht erfunden, auch wenn es sich so anhört.

Etliche weitere Minuten später meldete sich der Zugbegleiter, dass sich die Abfahrt auf unbestimmte Zeit verzögere: das Triebfahrzeug sei defekt. Ich wartete zwanzig Minuten auf ein Ende des Defekts und stieg dann aus. Die nächste Reisemöglichkeit lang zwei Stunden später. Merkwürdigerweise konnte man für diese Verbindung den Regionalexpress zwischen Wien und Brünn buchen; für diesen Zug gab es keine Reservierungsverpflichtung, sondern nur eine Empfehlung. Man muss die Schalterbeamten bewundern, dass sie in diesem Chaos noch den Durchblick behalten.

Ich beschloss, die Reise jetzt fortzusetzen, und wenn es das Letzte wäre, was ich auf Erden täte.

 

 

5. Olles leiwand 

Habe ich schon erwähnt, dass man, wenn man von München aus über Wien nach Brünn mit dem Zug fahren will, zwar am Wiener Westbahnhof ankommt, aber vom Südbahnhof aus weiterreisen muss? Mein Freund Thomas würde sagen: Das ist halt so! Habe ich auch erwähnt, dass man nicht eigentlich bis zum Westbahnhof fahren, sondern eine Station vorher, nämlich in Hüttelsdorf, aussteigen muss, wenn man den Regionalzug vom Westbahnhof zum Südbahnhof erwischen will? Nein? Liegt ja auch nicht auf der Hand. Deshalb hat es wahrscheinlich auch die Schalterbeamtin nicht erwähnt.

Immerhin ließen mir die eineinhalb Stunden Zwangsaufenthalt am Wiener Westbahnhof die Chance, mich mit den veränderten Gegebenheiten vertraut zu machen und den Südbahnhof rechtzeitig mit dem Taxi zu erreichen. Da sich mittlerweile weitere höhere Mächte in meine Reise eingeschaltet hatten, gab es während meines Aufenthalts in Wien zwei Hagel- und einen normalen Schauer, bei denen zum Teil der Verkehr zum Erliegen kam.

Ich habe bereits festgehalten, dass das alles nicht erfunden ist, oder?

Am Südbahnhof stand mein Zug abfahrbereit auf dem Gleis. Ich war so misstrauisch, dass ich zwei verschiedene Bahnbedienstete fragte, ob es auch der richtige Zug sei. Er war es.

Ich beschloss zu glauben, dass die letzten zwei Stunden meiner Reise von so etwas wie Normalität geprägt sein würden.

Irgendwo anders hörte das eine höhere Macht und lachte.

 

 

6. Hat die österreichische Staatsbahn das Schengen-Abkommen unterzeichnet? 

Mein Zug von Wien nach Brünn rollte durch weitere Hagelschauer, aber unbehelligt bis nach Breclav. Eine Ansage informierte mich in englisch, tschechisch und österreichisch darüber, dass hier am ehemaligen Grenzübergang das Personal gewechselt würde. Die Fahrt würde in wenigen Minuten fortgesetzt.

Kurz darauf begann der Zug zu ruckeln.

Ich glaube nicht, dass die tschechischen Bahnbediensteten so schwer sind, dass sie einen Zug zum Wackeln bringen, wenn sie einsteigen, zumal das Exemplar, das später meine Fahrkarte inspizierte, eher leicht aussah. Das Ruckeln fühlte sich auch sehr bekannt an. Ich hatte es schon einmal verspürt – heute morgen im Regionalexpress nach Plattling (siehe Szene 4). Daher nehme ich an, dass erneut ein Defekt aufgetreten war. Wissen Sie, was diese Annahme unterstützt?

Dass es erst eine Stunde später weiterging.

Kurz nach zwanzig Uhr kam ich in Brünn an, um zwanzig Uhr dreißig stand ich in meinem Hotelzimmer. Um kurz vor acht Uhr am Morgen war ich aufgebrochen. Dass es nicht noch länger dauerte, ist wahrscheinlich dem Umstand zuzurechnen, dass einen die Erddrehung mit sich trägt, wenn man von Westen nach Osten reist.

Schreibe Buch, will reisen

April 9th, 2008

Ich habe die Angewohnheit, dass ich an den Orten, an denen meine Geschichten spielen, gerne auch gewesen sein möchte. Anders als bei Karl May reicht meine Vorstellungskraft einfach nicht aus, ganze Welten zu beschreiben nur mit Hilfe einer Landkarte … wie auch immer, zu Beginn meines Lebens als Autor stand die Vor-Ort-Recherche stets am Anfang jedes Buchprojekts. Mit der Zeit stellte ich fest, dass dies nicht ökonomisch war. Zum einen produzierte ich Reisekosten, Hunderte von Fotos und viele Gesprächstermine mit Archivaren und Historikern an Orten, die dann im weiteren Verlauf der Handlung plötzlich nicht mehr vorkamen. Zum anderen war ich natürlich gerade dort nicht gewesen, wo sich auf einmal ein wesentlicher Teil der veränderten Story abspielte. Die Folge: erneute Reisekosten und Zeitverlust.

Heute gehe ich so vor, dass ich mir vorab einen groben topografischen Überblick verschaffe, indem ich das Internet, GoogleEarth und die Auskunftsfreudigkeit der örtlichen Stadtverwaltungen nutze. Damit weiß ich dann wenigstens halbwegs Bescheid, so dass mir keine größeren Schnitzer bei der Landschaftsbeschreibung unterlaufen.

Klammer auf: Wozu sind Landschaftsbeschreibungen nötig, fragen Sie? Retardiert das nicht die Handlung? Richtig – deshalb versuche ich derartige Beschreibungen auch nur dann unterzubringen, wenn sie für die Atmosphäre der Geschichte unbedingt nötig sind. Aaaaber … stellen Sie einfach mal vor, die Heldin verfolgt den Bösewicht von A nach B; da muss man ja wissen, welche natürlichen Hindernisse sich den Charakteren in den Weg legen. Müssen Flüsse überquert werden, gibt es Berge zu erklimmen usw.? Als Autor müssen Sie also über die Landschaft, durch die Sie Ihre Helden jagen, gut Bescheid wissen, selbst wenn Sie sie nicht seitenweise beschreiben. Klammer zu.

Mein neues Buchprojekt führt mich nach Mähren und dabei u.a. an einen Ort, der schon auf den mir zur Verfügung stehenden Fotos so gut aussieht, dass man es kaum glaubt: die Burg Pernstein in der Nähe von Brünn. Ich freue mich darauf, mit dem Leihwagen durch die südtschechische Landschaft zu gondeln und eine halbe Million Fotos zu schießen, und auf meinen Ansprechpartner Lukas Kratochvil in Brünn, den ich von der TEUFELSBIBEL her kenne, freue ich mich auch. Ende April geht es los. Ich werde Sie wie gewohnt auf dem Laufenden halten.

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Der Teufel in Leipzig

März 30th, 2008

Natürlich war ich auf der Buchmesse in Leipzig. Der Unterschied zur Messe in Frankfurt ist – für den Autor – vornehmlich der, dass er mehr Berührung mit seinen Leserinnen und Lesern hat, denn Leipzig ist von Anfang an für den Publikumsverkehr geöffnet. In Frankfurt werden die Fachhändler und Verlagsvertreter erst am Wochenende unter den Besucherlawinen verschüttet. Dass es (jedenfalls für mich) stets eine Freude ist, mich auf der Buchmesse herumzutreiben, habe ich weiter unten schon geschildert. Kollegen treffen, mal ein bißchen Zeit zum Plaudern mit den Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern haben, Freundschaften schließen … dieses Jahr stand selbstverständlich bei Lübbe unter dem Eindruck der Anwesenheit von Ken Follett, Altstar auf dem Buchmarkt, und Bruce Darnell, Neustar, aber mit vergleichbarer Medienaufmerksamkeit. Herrn Follett haben wir alle als gelassenen, höflichen, interessierten Menschen kennengelernt, mit dem sich auf Augenhöhe sprechen ließ. An Herrn Darnell kam man als normaler Mensch leider nicht ran, weil unübersehbare Mengen Deutschlands nexter Topmodels den Weg zu ihm blockierten.

Ken Follett zeigte sich äußerst interessiert am Thema “Teufelsbibel”. Als ich ihm erklärte, worum es dabei geht, sagte: “How did you turn that into a story?” Und ich sagte: “There’s a legend …” Er grinste. “I see!” Dann erzählte er mir von der Legende der Nägel an der ältesten Tür in der Westminster Cathedral, die ihn zu einer recht martialischen Szene in DIE TORE DER WELT inspirierte. Unter den Nägeln fanden sich Reste einer lederartigen Substanz; jahrhundertelang hieß es sei, dies seien Überreste eines mittelalterlichen Kirchendiebs, der geschnappt und zur Strafe lebendig gehäutet wurde. Die Haut wurde an die Tür gehängt, zur Warnung für weitere prospektive Diebe. Nach Drucklegung der Originalversion von Folletts neuem Buch machte sich ein Forensiker die Mühe, die Überreste zu untersuchen, um der Legende auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis: es handelte sich um Reste eines Pergaments. Wahrscheinlich hielten die Nägel nur ein Schild mit der Aufschrift: “Wegen Bauarbeiten geschlossen. Beten Sie bis auf weiteres in St. Paul’s.”

Man soll Legenden immer in Ruhe lassen. Auch die um die Teufelsbibel. Aber das bringt mich dazu, was ich eigentlich erzählen wollte.

Ich hatte die Ehre, am Vorzugsplatz Freitag Abend eine Lesung im Rahmen von “Leipzig liest” abzuhalten. Meine Konkurrenten an diesem Abend waren u.a. Ken Follett, Katia Fox, eine erotische Lesung mit Performance (leider fand sich am nächsten Morgen keiner, der zugegeben hätte, dort gewesen zu sein) und rein rechnerisch 400 weitere Lesungen. Diese Zahl errechnet sich aus einer Gesamtveranstaltungszahl von 2.000 Stück für die 5 Messetage, und da kann man ohnehin nur sagen: Hut ab vor den Veranstaltern. Wie auch immer, ich sah dem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich ist es schön, eine exklusive kleine Lesung mit zehn Zuhörern zu veranstalten, aber wünschen tut man sich und dem jeweiligen Veranstalter schon ein bißchen mehr Zuspruch. Im Lauf des Tages erfuhr ich, dass man mich vom Renaissance-Saal des alten Leipziger Rathauses (Fassungsvermögen: 50 Besucher + Autor) in den Großen Ratssaal (Fassungsvermögen: das Dreifache) umgebucht hatte. Ich wollte ja keinem sagen, dass ich das für verfrühten Optimismus hielt, behielt meine Zweifel aber für mich. Wer gibt schon zu, dass er froh ist, wenn überhaupt jemand den Weg zu ihm findet … ich meine, bei der Konkurrenz!

Es kamen dann über 100 Zuhörer, und ich war selig. Die Veranstalter boten mir noch am selben Abend an, zur nächsten Messe wieder zu kommen. Ich durfte Bücher signieren wie verrückt. Habe ich schon gesagt, dass ich selig war?

Meinen Mantel gab ich an der Garderobe ab. Da ich natürlich der Letzte war, der den Saal verließ, wurde mir das gute Stück ausgehändigt, ohne dass man mich nach meiner Garderobennummer fragte. Ich vergaß sie auch, bis ich sie nach der Rückkehr von der Messe in einem Fach meiner Geldbörse wiederfand. Ich hatte sie gar nicht genau angesehen, sondern nur eingesteckt.

Sie wissen ja, dass des Teufels Zahl die 666 ist und dass DIE TEUFELSBIBEL völlig unbeabsichtigt genau 666 Seiten hat. Raten Sie mal, welche Nummer ich in Leipzig an der Garderobe bekam:

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Fachmann mit Ausblick

Februar 3rd, 2008

Meine Lesungen gestalte ich auf Anfrage mit Musik- und Geräuschuntermalung und gern auch im zeitlich passenden, historischen Kostüm. Für mein nächstes Romanprojekt war ich seit einigen Wochen auf der Suche nach einer passenden Kopfbedeckung. Ohne allzuviel verraten zu wollen: die Geschichte spielt zwischen 1612 und 1618. Ich lade Sie herzlich ein, im Internet auf die Suche nach Gemälden aus dieser Zeit zu gehen, die Hüte der Herrschaften anzusehen und sich dann selbst zu fragen, wo man solche Dinger heutzutage herbekommen soll. Und? Sehen Sie …

Das Interesse der meisten Mittelalter-Ausstatter geht mit der Renaissance zu Ende; die frühe Neuzeit hat kaum jemand im Programm. Auch der eine Generation später folgende Barock ist wieder zahlreich bei den Kostümmachern vertreten, und was den Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) betrifft, gibt es viele engagierte Reenactment-Gruppen, die hochwertige Ausrüstungen besitzen und bei denen man sich Rat holen kann. Aber die vertrackten Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg entziehen sich dem verzweifelt Rat- und Hutsuchenden.

Meine Mission, einen zeitlich passenden Hut zu meinem ansonsten fast schon fertiggestellten Kostüm zu finden, führte mich durch halb Europa und sogar bis in die USA. Fand sich endlich einmal ein Anbieter, der sowohl von der Qualität als auch von der Authenzität her meine Ansprüche zu erfüllen schien, waren seine Produkte unerschwinglich. Ich habe sogar – natürlich in der Neuen Welt – die Website eines Ausstatters für historische Kino- und TV-Produktionen gefunden. Junge, hatte er der schöne Sachen; und JungeJunge! (würde Jörg von Ahaus, der depressive Kreuzritter aus IM SCHATTEN DES KLOSTERS, sagen), waren die teuer! Ich verstehe jetzt, warum Hollywoodfilme so viel Geld kosten …

Dann erhielt ich von Peter Bergmann von der historischen Musikgruppe Totus Gaudeo (www.totus-gaudeo.de) den Tipp, Alois Brückls Mittelalterladen in der Burg Trausnitz in Landshut zu besuchen. Für diejenigen, die es nicht wissen: Landshut ist meine Heimatstadt. Ich ging, sah und kaufte – genau den Hut, den ich mir aufgrund meiner Recherchen immer vorgestellt hatte. So kann es gehen – man macht eine Schleife durch die halbe Welt, um dann wieder in seiner Heimatstadt zu landen. Statt stundenlanger Recherche zur Freude vieler Netzbetreiber hätte ich nur einen Spaziergang zur Landshuter Burg zu machen brauchen, die ohnehin einer meiner Lieblingsorte in Landshut ist. Jedenfalls habe ich jetzt meine Ausrüstung komplett, und wenn Sie in der Nähe Landshuts oder direkt dort wohnen, an Geschichte interessiert sind und ein hervorragendes Fachgeschäft in herrlicher Lage besuchen wollen, schauen Sie mal bei www.mittelalter-und-mehr.de im Wittelsbacher Turm der Burg Trausnitz vorbei. Sie finden Alois Brückl, der im Übrigen ein wandelndes Lexikon zum Thema Dreißigjähriger Krieg ist, jeden Samstag zwischen 11.00 Uhr  und 15.00 Uhr dort – und mich garantiert auch des öfteren!

Verzweifelter Fan

Januar 20th, 2008

Gestern hat mir eine Freundin mitgeteilt, dass man ihr Exemplar von DIE BRAUT DES FLORENTINERS gestohlen hat. Sie hatte das Buch auf einer Liege in einem Wellness-Bereich liegenlassen, um kurz zur Dusche zu gehen. Bei der Rückkehr war die Liege noch da, aber das Buch war weg. Ein anderes Buch eines anderen Autors, das auf der Nebenliege ebenfalls kurz verwaist zurückgelassen worden war, war nicht geklaut worden. Da fällt es einem als Autor echt schwer zu entscheiden, ob man sich geschmeichelt fühlen soll oder nicht.

Eines ist aber auf alle Fälle klar: Antonio Bandini hat trotz aller Anstrengungen mindestens einen Schurken übriggelassen.