Der Teufel in Leipzig

Natürlich war ich auf der Buchmesse in Leipzig. Der Unterschied zur Messe in Frankfurt ist – für den Autor – vornehmlich der, dass er mehr Berührung mit seinen Leserinnen und Lesern hat, denn Leipzig ist von Anfang an für den Publikumsverkehr geöffnet. In Frankfurt werden die Fachhändler und Verlagsvertreter erst am Wochenende unter den Besucherlawinen verschüttet. Dass es (jedenfalls für mich) stets eine Freude ist, mich auf der Buchmesse herumzutreiben, habe ich weiter unten schon geschildert. Kollegen treffen, mal ein bißchen Zeit zum Plaudern mit den Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern haben, Freundschaften schließen … dieses Jahr stand selbstverständlich bei Lübbe unter dem Eindruck der Anwesenheit von Ken Follett, Altstar auf dem Buchmarkt, und Bruce Darnell, Neustar, aber mit vergleichbarer Medienaufmerksamkeit. Herrn Follett haben wir alle als gelassenen, höflichen, interessierten Menschen kennengelernt, mit dem sich auf Augenhöhe sprechen ließ. An Herrn Darnell kam man als normaler Mensch leider nicht ran, weil unübersehbare Mengen Deutschlands nexter Topmodels den Weg zu ihm blockierten.

Ken Follett zeigte sich äußerst interessiert am Thema „Teufelsbibel“. Als ich ihm erklärte, worum es dabei geht, sagte: „How did you turn that into a story?“ Und ich sagte: „There’s a legend …“ Er grinste. „I see!“ Dann erzählte er mir von der Legende der Nägel an der ältesten Tür in der Westminster Cathedral, die ihn zu einer recht martialischen Szene in DIE TORE DER WELT inspirierte. Unter den Nägeln fanden sich Reste einer lederartigen Substanz; jahrhundertelang hieß es sei, dies seien Überreste eines mittelalterlichen Kirchendiebs, der geschnappt und zur Strafe lebendig gehäutet wurde. Die Haut wurde an die Tür gehängt, zur Warnung für weitere prospektive Diebe. Nach Drucklegung der Originalversion von Folletts neuem Buch machte sich ein Forensiker die Mühe, die Überreste zu untersuchen, um der Legende auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis: es handelte sich um Reste eines Pergaments. Wahrscheinlich hielten die Nägel nur ein Schild mit der Aufschrift: „Wegen Bauarbeiten geschlossen. Beten Sie bis auf weiteres in St. Paul’s.“

Man soll Legenden immer in Ruhe lassen. Auch die um die Teufelsbibel. Aber das bringt mich dazu, was ich eigentlich erzählen wollte.

Ich hatte die Ehre, am Vorzugsplatz Freitag Abend eine Lesung im Rahmen von „Leipzig liest“ abzuhalten. Meine Konkurrenten an diesem Abend waren u.a. Ken Follett, Katia Fox, eine erotische Lesung mit Performance (leider fand sich am nächsten Morgen keiner, der zugegeben hätte, dort gewesen zu sein) und rein rechnerisch 400 weitere Lesungen. Diese Zahl errechnet sich aus einer Gesamtveranstaltungszahl von 2.000 Stück für die 5 Messetage, und da kann man ohnehin nur sagen: Hut ab vor den Veranstaltern. Wie auch immer, ich sah dem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich ist es schön, eine exklusive kleine Lesung mit zehn Zuhörern zu veranstalten, aber wünschen tut man sich und dem jeweiligen Veranstalter schon ein bißchen mehr Zuspruch. Im Lauf des Tages erfuhr ich, dass man mich vom Renaissance-Saal des alten Leipziger Rathauses (Fassungsvermögen: 50 Besucher + Autor) in den Großen Ratssaal (Fassungsvermögen: das Dreifache) umgebucht hatte. Ich wollte ja keinem sagen, dass ich das für verfrühten Optimismus hielt, behielt meine Zweifel aber für mich. Wer gibt schon zu, dass er froh ist, wenn überhaupt jemand den Weg zu ihm findet … ich meine, bei der Konkurrenz!

Es kamen dann über 100 Zuhörer, und ich war selig. Die Veranstalter boten mir noch am selben Abend an, zur nächsten Messe wieder zu kommen. Ich durfte Bücher signieren wie verrückt. Habe ich schon gesagt, dass ich selig war?

Meinen Mantel gab ich an der Garderobe ab. Da ich natürlich der Letzte war, der den Saal verließ, wurde mir das gute Stück ausgehändigt, ohne dass man mich nach meiner Garderobennummer fragte. Ich vergaß sie auch, bis ich sie nach der Rückkehr von der Messe in einem Fach meiner Geldbörse wiederfand. Ich hatte sie gar nicht genau angesehen, sondern nur eingesteckt.

Sie wissen ja, dass des Teufels Zahl die 666 ist und dass DIE TEUFELSBIBEL völlig unbeabsichtigt genau 666 Seiten hat. Raten Sie mal, welche Nummer ich in Leipzig an der Garderobe bekam:

leipzig-garderobenmarke.jpg

One Response to “Der Teufel in Leipzig”

  1. Lui sagt:

    Luzifer ist manchmal einfach überall 😉

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