Verteufelte Reise

Der Beruf eines Autors, der seine Themen und seine Leser ernst nimmt, bringt etliches an Reisetätigkeit mit sich – Recherchen, Lesungen, Vorträge, Messebesuche. Gehen Sie also bitte davon aus, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn ich die Aussage treffe, dass das Spannendste an einer Reise mit Flugzeug oder Bahn die Frage ist, ob man überhaupt ankommt. Habe ich etwas von „pünktlich“ gesagt? Ich bitte Sie …!

Vor ein paar Tagen bin ich der Einladung meines tschechischen Verlegers zur Buchmesse nach Prag und zu einem Besuch in Brünn gefolgt; der Verlagssitz befindet sich dort. Mit dem Auto würde die Fahrt von meiner Heimatstadt nach Brünn ca. 6 Stunden dauern. Mit dem Zug: 8 Stunden aufwärts. Mit dem Flieger: no chance whatsoever, aber darauf werde ich noch zurückkommen. Lassen Sie mich ein Drama in mehreren Akten ausbreiten:

 

1. Runter kommen sie immer 

Da ich meiner Familie nicht eine ganze Woche lang den fahrbaren Untersatz entziehen wollte, entschloss ich mich – nicht zuletzt angesichts der langen Zugfahrzeiten – zu einem Flug von München nach Prag. Abflugzeit: 06.55 Uhr, mithin der erste Flug des Tages. Die Verspätung betrug daher auch nur eine halbe Stunde, vielleicht heizte die Kaffeemaschine nicht schnell genug auf, was weiß ich. Nach zwanzig Minuten Flugzeit meldete sich der Kapitän, aber nicht wie üblich mit dem Wetterbericht vom Zielort, sondern um uns mitzuteilen, dass wir wieder umkehren würden. Auf der rechten Seite schlossen sich die Klappen des Fahrwerkschachts nicht. Während die Maschine sich in die Kurve legte, hatten wir Zeit darüber nachzudenken, ob dieser Defekt etwa auch bedeuten würde, dass das gesamte rechte Fahrwerk ausgefallen sei. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was mein Freund Ralph, der zwanzig Jahre lang Tornado-Pilot bei der Bundeswehr gewesen ist, über Landungen mit defektem Fahrwerk erzählt hatte. Würde der Pilot versuchen, auf dem Bauch zu landen, oder würde er das Flugzeug so lange wie möglich auf zwei Punkten stabil zu halten und erst im letzten Moment den rechten Flügel auf der Landebahn aufschlagen lassen? Solche Gedankenspiele sind immer sehr anregend, wenn man sie zwischen einem Glas Rotwein und dem Warten auf den Nachtisch anstellt, auf der sicheren Erde selbstverständlich.

Flugzeug und Insassen blieben an einem Stück; eine Stunde nach dem Abflug standen wir schon alle in der Schlange vor dem Service Center von Lufthansa. Der nächste Weiterflug um 11.20 Uhr war bereits ausgebucht, für 17.45 Uhr galt dasselbe, und für den 06.55 Uhr-Flug am nächsten Morgen bot man mir einen Platz auf der Warteliste an. Warteliste bedeutet, dass man nötigenfalls in 10 Minuten am Gate sein muss, wenn man das Glück hat, mitzudürfen. Ich brauche ca. 45 Minuten, um von zu Hause aus den Flughafen München zu erreichen. Eine Übernachtung im Aktenschrank des Lufthansa Service Center zog ich nicht in Betracht; aber durch den Wartelistenplatz verlor ich auch das Anrecht, zum selben Preis einen noch späteren, nicht ausgebuchten Flug zu erhalten. Der neue Preis betrug etwas das Doppelte des alten Preises, und der war schon nicht eigentlich günstig gewesen.

Ich beschloss, mit der Bahn zu fahren.

 

2. Alle Wetter – die Bahn 

Das Warten beim Service Center, das sich daran anschließende Warten auf meinen Koffer (der beschädigt war, als ich ihn endlich in die Arme schließen konnte) und die Rückfahrt zu meinem Wohnort hatten eine Ankunft in Brünn am gleichen Tag unmöglich gemacht. Nach Rücksprache mit meinem Verleger peilten wir eine Anreise am Folgetag an. Ich vertraute mein Geschick dem Personal am Fahrkartenschalter der Bahn an und erfuhr, dass es eine Direktverbindung nach Prag gäbe, von dort eine Weiterfahrt nach Brünn, alles in allem elf Stunden Fahrt. Wissen Sie noch, wie lange es mit dem Auto dauert? Genau. Mit dem Auto wäre ich in der Zeit hin und wieder zurück gekommen, ein Ticket wegen zu schnellem Fahren eingeschlossen. Ich bat resignierend um eine Fahrkarte.

Während des Versuchs, die Reservierung vorzunehmen, fiel der Bahnbeamtin eine Meldung auf: Baustelle – genau auf meiner Strecke. Der Zug würde nicht bis Prag, sondern nur bis Pilsen fahren, von dort aus gäbe es Schienenersatzverkehr, also die Postkutsche oder etwas Ähnliches. Mindeste zusätzliche Reisezeit eine weitere Stunde, längere Verzögerungen müssten aber einkalkuliert werden.

Ich beschloss, nicht mit der Bahn zu fahren und die Reise abzusagen.

Gegen Abend und nach vielen Bitten meines Verlegers, meinen Messeauftritt doch noch möglich zu machen, fiel mir ein, dass es statt der Variante München – Prag – Brünn auch die Möglichkeit München – Wien – Brünn geben musste. Das Internet bestätigte meinen Verdacht. Warum das Auskunftspersonal nicht darauf gekommen war, entzieht sich meiner Kenntnis, umso mehr, da diese Verbindung regulär nur acht Stunden dauert – drei weniger als die Direktverbindung. Weshalb das wiederum so ist, muss mit dem Relativitätsgesetz zusammenhängen und der Krümmung des Einsteinschen Raums.

Ich beschloss, doch nicht abzusagen, sondern die Wien-Variante zu wählen.

 

3. Ein Zug ist ein Zug ist ein Zug 

Stellen Sie sich vor: denselben Fahrkartenschalter, denselben reisewilligen Autor, eine andere Schalterbeamtin, der folgende Morgen. Man kann kein Ticket nach Brünn buchen, weil der Regionalexpress zwischen Wien und Brünn reservierungspflichtig ist, und diese Reservierung kann die Deutsche Bahn nicht vollziehen. Man müsse in Wien beim Fahrkartenschalter anrufen. War Ihnen klar, dass die Bahnbeamten mit ihren Terminals zwar jede Telefonnummer jedes Bahnhofs in Deutschland herausfinden können, aber keine einzige im Ausland, und dass die Terminals auch keinen Internetanschluss haben, wo man die fragliche Nummer in dreikommasieben Sekunden ergoogelt hätte? Einen Anruf bei der Telefonauskunft und mehrere hundert Klingeltöne am Schalter in Wien später erhielt ich die Auskunft, dass man keine telefonischen Reservierungen für den gleichen Tag vornehmen könne. Man müsse schon vor Ort … aber man sei gewarnt, weil der Zug erfahrungsgemäß sehr voll sei und es sein könne, dass man keinen Platz mehr bekomme, wenn man zu spät am Banhof erscheine. Mein Angebot, dann eben stehend von Wien zu Brünn zu reisen, fiel auf taube Ohren. In einem königlich-kaiserlichen Zug sitzt man, oder man bleibt zu Hause, host gheat!

Ich beschloss, mein Glück zu riskieren.

 

 

4. Wo sind die Milliarden vom Transrapid? 

Die von mir gebuchte Reise beinhaltete einen Umstieg vom Regionalexpress auf den ICE im schönen Plattling. Zeit für diesen Umstieg: sechs Minuten. Fünf Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit informierte mich ein Lautsprecher darüber, dass mein Regionalexpress ca. fünf Minuten Verspätung habe. Nach diesen (angekündigten) fünf Minuten traf er dann auch ein, ich begab mich auf einen Platz, hoffend, dass er die fehlenden vier Minuten (= Saldo zwischen der Gesamtverspätung und meiner Umstiegszeit) noch irgendwie reinholen würde.

Im Übrigen ist das alles nicht erfunden, auch wenn es sich so anhört.

Etliche weitere Minuten später meldete sich der Zugbegleiter, dass sich die Abfahrt auf unbestimmte Zeit verzögere: das Triebfahrzeug sei defekt. Ich wartete zwanzig Minuten auf ein Ende des Defekts und stieg dann aus. Die nächste Reisemöglichkeit lang zwei Stunden später. Merkwürdigerweise konnte man für diese Verbindung den Regionalexpress zwischen Wien und Brünn buchen; für diesen Zug gab es keine Reservierungsverpflichtung, sondern nur eine Empfehlung. Man muss die Schalterbeamten bewundern, dass sie in diesem Chaos noch den Durchblick behalten.

Ich beschloss, die Reise jetzt fortzusetzen, und wenn es das Letzte wäre, was ich auf Erden täte.

 

 

5. Olles leiwand 

Habe ich schon erwähnt, dass man, wenn man von München aus über Wien nach Brünn mit dem Zug fahren will, zwar am Wiener Westbahnhof ankommt, aber vom Südbahnhof aus weiterreisen muss? Mein Freund Thomas würde sagen: Das ist halt so! Habe ich auch erwähnt, dass man nicht eigentlich bis zum Westbahnhof fahren, sondern eine Station vorher, nämlich in Hüttelsdorf, aussteigen muss, wenn man den Regionalzug vom Westbahnhof zum Südbahnhof erwischen will? Nein? Liegt ja auch nicht auf der Hand. Deshalb hat es wahrscheinlich auch die Schalterbeamtin nicht erwähnt.

Immerhin ließen mir die eineinhalb Stunden Zwangsaufenthalt am Wiener Westbahnhof die Chance, mich mit den veränderten Gegebenheiten vertraut zu machen und den Südbahnhof rechtzeitig mit dem Taxi zu erreichen. Da sich mittlerweile weitere höhere Mächte in meine Reise eingeschaltet hatten, gab es während meines Aufenthalts in Wien zwei Hagel- und einen normalen Schauer, bei denen zum Teil der Verkehr zum Erliegen kam.

Ich habe bereits festgehalten, dass das alles nicht erfunden ist, oder?

Am Südbahnhof stand mein Zug abfahrbereit auf dem Gleis. Ich war so misstrauisch, dass ich zwei verschiedene Bahnbedienstete fragte, ob es auch der richtige Zug sei. Er war es.

Ich beschloss zu glauben, dass die letzten zwei Stunden meiner Reise von so etwas wie Normalität geprägt sein würden.

Irgendwo anders hörte das eine höhere Macht und lachte.

 

 

6. Hat die österreichische Staatsbahn das Schengen-Abkommen unterzeichnet? 

Mein Zug von Wien nach Brünn rollte durch weitere Hagelschauer, aber unbehelligt bis nach Breclav. Eine Ansage informierte mich in englisch, tschechisch und österreichisch darüber, dass hier am ehemaligen Grenzübergang das Personal gewechselt würde. Die Fahrt würde in wenigen Minuten fortgesetzt.

Kurz darauf begann der Zug zu ruckeln.

Ich glaube nicht, dass die tschechischen Bahnbediensteten so schwer sind, dass sie einen Zug zum Wackeln bringen, wenn sie einsteigen, zumal das Exemplar, das später meine Fahrkarte inspizierte, eher leicht aussah. Das Ruckeln fühlte sich auch sehr bekannt an. Ich hatte es schon einmal verspürt – heute morgen im Regionalexpress nach Plattling (siehe Szene 4). Daher nehme ich an, dass erneut ein Defekt aufgetreten war. Wissen Sie, was diese Annahme unterstützt?

Dass es erst eine Stunde später weiterging.

Kurz nach zwanzig Uhr kam ich in Brünn an, um zwanzig Uhr dreißig stand ich in meinem Hotelzimmer. Um kurz vor acht Uhr am Morgen war ich aufgebrochen. Dass es nicht noch länger dauerte, ist wahrscheinlich dem Umstand zuzurechnen, dass einen die Erddrehung mit sich trägt, wenn man von Westen nach Osten reist.

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