Die Reise zum Teufel IV

Dezember 3rd, 2007

pressereise-prag-_olivier-fravre.jpg

Kleine Impression mit Hilfe der wunderschönen Fotos von Olivier Favre, zusammengestellt von Adobe Photoshop und Herr R.D.

Die Reise zum Teufel III

Dezember 3rd, 2007

Wir hatten für den Besuch der Teufelsbibel einen Sondertermin vereinbart, an einem Tag, an dem die Ausstellung eigentlich geschlossen ist. Daher waren außer uns nur etwa tausend Leute da, die den Teufel auch besuchen wollten. Unsere Gruppe (ca. 15 Menschen) erhielt nach einiger Diskussion und Identifikationsproblemen Eintrittskarten, die mit unterschiedlichen Zahlencodes bedruckt waren. Obwohl ich mich aufgrund meiner Arbeit am Roman mit dem Thema Code herumgeschlagen hatte, gelang es mir nicht, die Zahlen zu entziffern. Ich z.B. hatte in rot 10.50 aufgedruckt; andere 11.0. Der Ausstellungsleiter kam, drückte mir die Hand und einen Katalog in dieselbe, bevor er mich ebenso wie alle anderen links liegen ließ. Immerhin, freute ich mich, hatte er mir als dem einzigen Romanautor, der sich je mit dem Codex Gigas befasst hat, als Zeichen der Anerkennung den Katalog geschenkt. ´

Seit einiger Zeit habe ich den Verdacht, ich hätte ihn eigentlich bezahlen sollen. Aber dazu ist es nun zu spät. Ich hoffe, bei einer weiteren Einreise in die Tschechische Republik wartet nicht schon Interpol hinter der Grenze auf mich.

Warten taten jedenfalls wir; aus der in fließendem Tschechisch gehaltenen Ansage einer offiziellen Ausstellungsdame hatten entnehmen zu können geglaubt, man würde uns aufrufen, sobald die anderen tausend Leute die Ausstellung verlassen hätte. Tatsächlich kam nach einiger Zeit die besagte Dame und scheuchte uns recht ungehalten in das erste Geschoss des Gebäudes. Wir durften uns vor einer Tür platzieren. Die Tür ging auf. Wir gingen hinein.

Das heißt, wir gingen nicht alle hinein. Genau genommen gingen nur fünf hinein, von denen ich einer war. Was uns verband, war der Zahlencode 10.50. Ein Blick auf die Uhr entschlüsselte den Code: damit war die Uhrzeit gemeint. Aha!

Olivier, der treue Fotograf, versuchte mit mir zusammen in die Ausstellung zu gelangen, um seiner Arbeit nachgehen zu können. Leider besaß er eine Eintrittskarte mit 11.o. Pech gehabt. Außerdem hieß es (entgegen der ursprünglichen Abmachung mit dem Verlag) „No Foto.“ Olivier versuchte seine Karte mit jemanden zu tauschen, der in meiner Gruppe war. Wieder Pech gehabt: „No change.“

Die Teufelsbibel selbst, zu deren Verständnis im Erdgeschoss des Klementinums eine hervorragende Vorbereitungsausstellung mit Vitrinen, Wandbildern, Ausgrabungsfunden und Schautafeln aufgebaut war, lag in einem gläsernen Sarkophag auf dem Boden. Der Ausstellungsraum: 30 qm, kahle Wände, dunkel, ein paar Spots auf dem Glaskasten, die die Fingerabdrücke unserer tausend Vorgänger schön hervorhoben. Der Codex Gigas war auf der Seite mit dem Teufel aufgeschlagen, was naheliegt, aber von gewisser Unspektakularität ist, weil man diese Seite sonst auch immer zu sehen bekommt. Keine Musik, keine Erklärung, kein gar Nichts, es sei denn, man rechnete den höchst finster blickenden Museumswärter, der mit uns im Raum war, zum Gesamtszenario hinzu.

Nach einer Weile versuchte Barbara Fischer, den Raum zu verlassen, um draußen nochmals wegen der Filmaufnahmen zu verhandeln. Sie durfte nicht raus. Die Besuchszeit bei der Teufelsbibel dauert genau 10 Minuten, nicht mehr und schon gar nicht weniger.

Jetzt weiß ich, was die Hölle ist: wenn man Vorschriften unterworfen ist, die eine seit 350 Jahren sehnlichst erwartete Ausstellung, welche es in dieser Form in den nächsten fünfzig Jahren nicht mehr geben wird, in die Nähe einer Farce rücken.

Teufel nochmal!

Die Reise zum Teufel II

Dezember 3rd, 2007

Natürlich hatte ich während der Pressereise 24 Stunden am Tag was zu tun; und erst recht in der Nacht! Aber an einem Abend wurde der Wille, zu einem schönen Bierchen den Klängen einer Jazzband zu lauschen und vielleicht noch einen schönen ungesunden Mitternachtssnack einzunehmen, stärker als das Pflichtbewußtsein. Wir brachen zu fünft auf: Barbara Fischer, die Reiseleiterin von Lübbe, Peter Hetzel, SAT1-Redakteur, Olivier Favre, Fotograf und mein absolutes Vorbild, wie ich mal in zwanzig Jahren sein möchte, Achim Rogge, Kameramann, und R. D., Autor.

Erster Anlauf: eine angesagte Kneipe im ehemaligen jüdischen Ghetto, deren Adresse Achim in einer Tageszeitung entdeckt hatte. Wir ließen uns von unserem Chauffeur dort absetzen und schickten den guten Mann nach Hause, weil wir ja damit rechneten, im frühen Morgengrauen mit den letzten Gästen vor die Tür gekehrt zu werden und dann schon irgendwie ins Hotel zu finden. Der Eingang zum Jazztempel befand sich im Souterrain und in der Hand eines grimmigen älteren Herrn (der – aber dazu werde ich irgendwann mal später kommen – durchaus mit dem Ausstellungwärter der Teufelsbibel verwandt hätte sein können). Wir vernahmen seine Botschaft: „No Musik.“ Sie wurde lieblich von aus dem Inneren des Lokals dringenden Jazzklängen begleitet. Weitere Kommunikationsversuche verleiteten ihn zu der Aussage, dass das nur noch die Band wäre, die quasi ihre Instrumente zu Ende spiele, ansonsten die Kneipe aber bereits leer sei. Dann trat er beiseite, um einen Schwung junger Damen und die Geräusche eines vollbesetzten Lokals an sich vorbeizulassen. Alle sahen mich vorwurfsvoll an. Ganz klar – ich war schuld. Ich hatte ja auch ein Buch über den Teufel geschrieben.

Nächste Adresse Altstadtring; nach 30 min Fußmarsch, wachsendem Durst und wachsender Bereitschaft bei vier von uns, zur Not auch einer Dixie-Band zuzuhören, einer Verzweiflungsstrategie, der sich nur Peter Hetzel verweigerte, weil er nicht ganz unrichtig bemerkte, Dixie wäre ausschließlich für den Frühschoppen mit Weißbier, Weißwürsten und Brezen erfunden worden (was im Übrigen beweist, dass auch im Kölner ein Bayer steckt). Gegenüber der astronomischen Uhr sichteten wir schließlich ein Lokal, in dem mehrere Herren in schwarz-weiß mit Blechblasinstrumenten und Schlagzeug aktiv waren. Es sah nach Jazz aus. Hören konnte man nichts, weil die Fenster schalldicht waren. Peter war misstrauisch.  Wir beruhigten ihn. Dixie wird von Männern in Strohhüten und breiten Hosenträgern gespielt. Schwarze Anzüge mit weißen Hemden tragen Jazz-Musiker. Peter war weiterhin misstrauisch. Wir fesselten ihn und trugen ihn ins Lokal.

Die Musik war laut.

Es war Dixie.

Das Bier war trotzdem gut. Und Achim bedauert heute noch, die Kamera nicht dabei gehabt zu haben, um Peters eingefrorene Gesichtszüge während der Musikdarbietung zu filmen.

glorreiche-4-_olivier-favre.jpg

Trotz Dixie-Musik: Die glorreichen Vier auf dem Rückweg von Dreharbeiten beim Kloster Strahov. Hinter dem Objektiv des Fotoapparats und daher nicht zu sehen: Olivier Favre!

Jahrestreffen

Dezember 3rd, 2007

Gut, fast alle anderen nennen es „Frankfurter Buchmesse“.  Eine Art Jahrestreffen ist es für die meisten Autoren untereinander und mit ihren Partnern vom Verlag aber dennoch. Nicht alle Schriftsteller leben in direkter Nähe ihres Verlags, obwohl das Vorteile hätte – auch ich nicht. Meine Heimatstadt ist ein ganzes Stück von Bergisch Gladbach entfernt, wo sich der Standort des Lübbe-Verlags befindet. Ich sehe daher die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlags relativ selten; die Hauptkommunikation findet über e-Mails und Telefonate statt, persönliche Begegnungen gibt es (nur) bei wichtigen Lesungen/Buchpräsentationen, PR-Aktionen und Projektdurchsprachen. Ich freue mich daher bei jeder Buchmesse immer wieder mächtig darauf, mit all den netten Leuten persönlich zu sprechen, mit denen ich sonst nur elektronisch verbunden bin.
Dann gibt es da die Kolleginnen und Kollegen! Wer glaubt, wir Autoren betrachten uns gegenseitig als Konkurrenz und beäugen uns misstrauisch, hat nur zu einem ganz geringen Teil recht. Überwiegend fühlt man sich einander verbunden, möchte über die Projekte der anderen reden und seine eigenen schildern, möchte die offen oder im Subtext geäußerten positiven/negativen Rezensionen seiner eigenen Werke hören und daraus lernen. Da man diese sehr oft liebgewordenen Menschen noch seltener sieht als die Verlagsmitarbeiter, ist man immer sehr gespannt auf sie. Tischrunden höchst normal aussehender Leute, die mit Kaffeetassen bewaffnet die Köpfe zusammenstecken und oft gar nicht so leicht aus ihrem Gespräch zu reißen sind, oder kleine Cluster von sich umarmenden und auf die Schultern klopfenden Damen und Herren sind in der Regel Autoren, die sich lange nicht gesehen haben und sich viel zu erzählen haben …
Weiter geht’s zu den Buchhändlern und professionellen Messebesuchern wie z.B. den Betreibern von Bücherforen (und zu einer Erklärung über die Reihenfolge, die ich hier gewählt habe: es ist die, in der ich diesen Menschen in der Regel über die Messetage hinweg begegne). Auch hier gibt es alte Freund- und neue Bekanntschaften, Gespräche über zukünftige Zusammenarbeit und gemeinsames Erarbeiten von Ideen. In diesem Jahr hatte ich zum Beispiel die Möglichkeit, mit Buchhändlern in Ausbildung eine ganze Stunde zu verbringen und ein höchst interessantes Gespräch über die beiderseitigen Ansichten zum Produkt Buch zu führen.
Und ganz bestimmt nicht zuletzt: die Leser! In diesem Jahr musste ich wegen eines Engagements bereits am Freitag abreisen; sonst versuche ich das Wochenende immer mitzunehmen. Zu meinen schönsten Erlebnissen gehört u.a., dass plötzlich eine große Gruppe Jugendlicher aus meiner Heimatstadt im Lübbe-Stand auftauchte, die als Teilnehmer eines Wettbewerbs eine Reise zur Messe gewonnen hatten und mir die Gelegenheit gaben, eine ganze Menge Autogramme zu unterschreiben.
Und dazwischen gibt es Interviewtermine, Fototermine, unverhoffte Gespräche mit interessierten Lizenzkäufern, Rumalbern und ernsthafte Diskussionen und Besuche bei den Ständen anderer Verlage, die befreundete Autoren unter Vertrag haben und denen man selbstverständlich einen Besuch abstattet. Die eigene Anwesenheit auf der Messe dient aber in großem Maß der marketingtechnischen Unterstützung des Verlags und nicht der eigenen Belustigung, und so bleibt man so lang und so oft wie möglich beim Stand seines Verlags und beschränkt das Schlendern durch die Hallen auf wenige Gelegenheiten (und meldet sich anständigerweise auch immer bei der Standleitung ab).

So hat sich mein Eindruck von der Messe auch im Jahr 2007 bestätigt: es war der einer schönen, ausgewogenen Mischung aus freundschaftlicher Begegnung, kreativer Arbeit und neuen Eindrücken. Ich fühle mich immer sehr, sehr gut und bin sehr gerne dort, sowohl in Frankfurt als auch in Leipzig. Es ist natürlich ein bißchen anstrengend (besonders, wenn man mehrere Tage dort ist, weil das Abendprogramm die Bugwelle nicht schlafend verbrachter Nachtstunden immer weiter ansteigen lässt), und ich empfand es noch nie langweilig.

buchmesse-2007_andreas-biesenbach.jpg

Die Bilderleiste zeigt übrigens von links nach rechts: Die Herren Dübell und Eschbach bei der Klärung der Frage, wer welchen Bagel bekommt; Sonja Lechner von der Verlagsgruppe Lübbe, ein ganz bestimmter Autor und seine Frau; Lorenzo de Medici, ein schreibender Kollege und Nachfahre von Lorenzo il Magnifico, erklärt dem Verfasser dieses Blogs, wie man die Frauen verstehen muss. (Bildnachweis: Andreas Biesenbach)
 

Die Reise zum Teufel

Oktober 3rd, 2007

Die letzten vier Tage war ich auf Einladung der Verlagsgruppe Lübbe zusammen mit Journalisten, einem Fotografen und einem Kamerateam in Prag – eine Pressereise, um mein neues Buch DIE TEUFELSBIBEL vorzustellen und der Ausstellung des Codex gigas im Clementinum (s. unten) einen Besuch abzustatten.

Vorweg – es war wunderschön! Zum einen, weil man selten die Gelegenheit erhält, mit Profis über seine Geschichte zu diskutieren und die eigenen Beweggründe darlegen zu können, warum man sie so geschrieben hat, wie man es getan hat; zum anderen, weil Fotograf und Kamerateam mich vor so aufregende Hintergrundmotive gestellt haben, dass sogar ich halbwegs ansehnlich aussehen dürfte; und nicht zuletzt deshalb, weil ich wieder einmal merken durfte, dass ich bei einem Verlag unter Vertrag bin, dem seine Autoren noch etwas bedeuten.

Ich stieg am Samstag Morgen zusammen mit einer Journalistin der Münchner AZ in einen Flieger nach Prag. Man könnte von meinem Wohnort aus auch mit dem Zug in einer ganz vernünftigen Zeit in die tschechische Hauptstadt gelangen, aber mit dem Flugzeug war es natürlich praktischer, und außerdem gab sich die Airline mit dem blauen Vogel große Mühe, nicht wesentlich schneller zu sein als die Bahn: wir verbrachten nach dem Einsteigen zunächst mal eine dreiviertel Stunde im Flieger vor dem Terminal und warteten auf einen „slot“ für den „take off“.

In Prag gibt es Sammeltaxis, die Pauschalen für die Fahrt vom Flughafen in die Stadt anbieten. Die Pauschalen sind in einem komplizierten mathematischen Näherungsverfahren errechnet worden, für das die Computer der NASA benötigt wurden, was der wahre Grund dafür ist, warum die letzten vier Jahre keine Space Shuttle-Flüge mehr möglich waren. Im Hotel war bereits der Großteil der Gruppe versammelt und rätselte darüber, wer sich in der Nacht mit welchem Italiener das Bett würde teilen müssen. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass vier unserer Zimmer noch für eine weitere Nacht von italienischen Gästen belegt waren. Das heißt, eigentlich waren sie nicht mehr belegt, denn die vier Herren aus dem Land der Zitronen hatten tatsächlich nur bis Samstag gebucht; dann müssen sie aber irgendwas durcheinander gebracht haben, denn das Taxi für die Fahrt zum Flughafen und den Rückflug hatten sie erst für den Sonntag geordert, ihre Sachen waren noch in den Zimmern und die Herren selbst natürlich irgendwo im Großraum Prag unterwegs.

Die nächstliegende Lösungsidee, die das Hotel präsentierte, bestand darin, uns einen günstigeren Zimmerpreis anzubieten, wenn wir uns zu mehreren für eine Nacht in ein Zimmer teilen würden (zwei im Bett, einer in der Badewanne, einer in der Zimmerbar?). Mit dem freundlichsten Lächeln, mit dem jemals die Temperatur der unmittelbaren Umgebung in die Nähe des absoluten Gefrierpunktes gesenkt wurde, lehnte unsere Lübbe-Reiseleiterin den Vorschlag ab. Daraufhin konnte man einer raschen Kalkulation zusehen, die sich auf der Stirn der Hotelmanagerin abzeichnete und deren Ergebnis ungefähr so ausfiel:

Einzelzimmerumsatz x 4 (it.) x 1 Nacht  <   Einzelzimmerumsatz x 14 (Lübbe) x 3 Nächte

– woraufhin man die Sachen unserer Zimmervorgänger höflich in deren Koffer packte und diese vor die Tür stellte.

Zur Ehrenrettung des Hotels möchte ich aber anfügen, dass man die Unseligen nicht auf die Straße setzte – einer von unserer Gruppe bekam am Abend mit, wie sie eines der Konferenzzimmer bezogen, wo man ihnen Betten auf dem Boden aufgebaut hatte.

Wie es für uns weiterging? Bleiben Sie diesem Blog verbunden – ich halte Sie auf dem Laufenden! 

Begegnung mit der Teufelsbibel

September 12th, 2007

Der Vorverkauf für die Ausstellung der Teufelsbibel im Klementinum in Prag hat begonnen!

Die Teufelsbibel

Wenn Sie dem geheimnisvollsten Manuskript des Mittelalters persönlich gegenüberstehen wollen – hier beginnt der Pfad dorthin: http://www.nkp.cz/_en/pages/page.php3?page=codex_vstupenky_en.htm


Der Rinderflüsterer

August 14th, 2007

Morgen in aller Frühe geht’s los in den Jahresurlaub. Unser Ziel: Agriturismo Negrin, ein 300 Jahre alter Bio-Bauernhof im südlichen Piemont. Vor drei Jahren waren wir zum ersten Mal dort, als mich die Recherchen für ein im Augenblick auf Eis gelegtes Romanprojekt u.a. nach Turin führten und ich das Angenehme mit dem Nützlichen, sprich die Recherche mit einem Familienurlaub verbinden wollte (Fragen, welches davon das Angenehme und welches das Nützliche sei, sind ungehörig und werden grundsätzlich nicht beantwortet).

img_4963.JPG

Nun kehren wir zum dritten Mal nach Negrin und zu unseren dortigen Freunden Ursula und Carlo zurück. Wieder kann ich eine Recherchereise mit diesem Urlaub verbinden, auch wenn ich diesmal nach Genua muss und auch wenn mein Projekt mit dem Verlag bereits abgestimmt ist. Ansonsten bringt mich diese Ähnlichkeit aber dazu, über unseren ersten Aufenthalt auf Ursulas und Carlos schönem Bauernhof nachzudenken. Ich war nämlich gezwungen, als Geburtshelfer einzuspringen und ein Kälbchen auf die Welt zu bringen – ich so gut wie allein!! ohne Tierarzt (den konnte mangels genauerer Adressdaten keiner rufen)!! ohne Ursula (die war zum Einkaufen gefahren)!! ohne Carlo (der war Käse ausliefern)!! nur mit Carlos über 90jähriger Mutter, deren piemontesischen Dialekt ich nicht einmal verstanden hätte, wenn es um mein Leben gegangen wäre!! Aber die signora und ich haben es geschafft. Sie machte die Knoten, ich zog am Strick, und irgendwann hatten wir das Kälbchen heraußen und am Leben. Meine Klamotten waren ruiniert, aber ich war glücklich und nicht wenig stolz auf mich.

Falls Sie wissen wollen, wie oft ich das schon vorher gemacht hatte: 0 mal. Aber ich hatte ein paar Tage zuvor Gelegenheit, dem Tierarzt bei einer anderen Geburtshilfe zuzugucken. So ist das halt bei Autoren – sie müssen was nur einmal gesehen haben, und schon können sie endlos drüber schreiben und, wenn Not am Mann ist, auch zupacken. Ja ja …

Außerdem ist hiermit der Beweis erbracht, dass Autoren doch Sachen zuwege bringen, die Hand und Fuß haben. Oder wenigstens Vorderlauf und Hinterlauf.

In der Hoffnung, dass diesmal der gesamte Rindernachwuchs bereits auf der Welt ist, melde ich hiermit ab in den Urlaub!

Fortsetzung zu „Vom Mittelalter eingeholt“: The Hell Is In Down Under

Juli 10th, 2007

Da hatte ich gedacht, man hätte mir mit meinem Auftrittsverbot in Langenbach einen üblen katholischen Scherz gespielt – und heute lese ich in der Zeitung, dass ich noch recht glimpflich davongekommen bin. Im australischen Melbourne hat man einem fünfjährigen Jungen die Aufnahme an einer katholischen Schule verweigert, weil sein Familienname „Hell“ lautet. Übersetzt lautet das „Hölle“, und wir alle wissen ja, dass dieser Ort erst im Mittelalter von der Kirche erfunden worden ist. Die Schulleitung jedenfalls machte der Familie den Vorschlag, den Kleinen unter dem Mädchennamen der Mutter aufzunehmen; ob man auch geraten hat, dass Mama und Papa sich deswegen sicherheitshalber scheiden lassen sollten, war dem Artikel nicht zu entnehmen.

Bei der Lektüre erinnerte ich mich an meine eigene Schulzeit, genauer gesagt an die dritte Klasse. Mein damaliger Lehrer – offensichtlich ein pädagogisches Sondertalent – verwendete eine Schulstunde darauf, uns seine beeindruckenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Onomastik zu beweisen. Bevor Sie glauben, dass das was Unanständiges ist: Onomastik ist die Wissenschaft der Namensforschung. Denken Sie sich nix, ich habe das auch erst nachschlagen müssen …

Jedenfalls machte der Lehrer uns mit seinen Auslegungen unserer Nachnamen vertraut. Einer meiner Schulkameraden war der Meinung des Pädagogen nach namenstechnisch vom Walfisch abzuleiten (der Wal ist ein Säugetier und kein Fisch; Anm.d.V.), da sein Name eine ganz entfernte phonetische Ähnlichkeit mit diesem von der Natur nicht vorgesehenen Tier besaß; das nur, um Ihnen ein Eindruck von der onomastischen Qualität dieser Schulstunde zu geben. Mein eigener Name war natürlich ein gefundenes Fressen für den Namensforscher: er stellte fest, dass er ganz klar vom niederdeutschen „Düvel“ komme, was auf Hochdeutsch „Teufel“ bedeute, und dass meine Urahnen deshalb vermutlich auch aus dem norddeutschen Raum vertrieben worden und bis nach Bayern geflohen seien, wo man seinerzeit mit dem Idiom der Nordlichter noch nicht so vertraut war und nicht merkte, dass eigentlich der Teufel und seine Großmutter eingewandert waren. Während mein Schulkamerad Walfisch im Laufe der Zeit über seinen onomastischen Hintergrund hinwegkam und etwas Vernünftiges aus sich gemacht hat, habe ich das Trauma der nahen Verwandtschaft zu Herrn Luzifer nie abschütteln können und bin Schriftsteller geworden.

Und das ist vermutlich der wahre Grund, warum man mich in Langenbach nicht haben wollte.

Ein Glücksumstand ist weiterhin, dass man auch in Australien des Niederdeutschen nur mangelhaft mächtig ist, sonst hätte ich dort vor ein paar Jahren gar nicht Urlaub machen können. Teufel auch!

Der kleine Max Hell durfte übrigens, nachdem die Medien sich seines Falls annahmen, unter seinem echten Familiennamen die Schule besuchen.

Vom Mittelalter eingeholt

Juni 25th, 2007

„Wir hatten am Montag noch einmal Team-Sitzung unserer Pfarrbücherei. Leider hat sich das Team + Pfarrer nun doch geschlossen gegen eine Lesung mit Herrn Dübell ausgesprochen. Grund dafür ist der Titel des neuen Buches von Herrn Dübell. Auch wenn die Lesung nur aus dem „Sohn des Tuchhändlers“ bzw. aus der „Braut des Florentiners“ stattfindet, wird doch auf dem Büchertisch und in der Presse die „Teufelsbibel“ in Zusammenhang mit der Pfarrbücherei (…) erwähnt. Dies möchten wir nicht verantworten.“

Dies ist ein Zitat aus einem e-Mail, das mein Verlag von einem Veranstalter erhalten hat, der mich eigentlich fest für November dieses Jahres gebucht hat. Bei Lübbe war man sprachlos; noch nie ist einer von deren Autoren aus kirchenpietätischen Gründen von einer Lesung wieder ausgeladen worden.

Besonders peinlich (für die Veranstalter) ist dabei die Tatsache, dass man offensichtlich nicht den Hauch einer Ahnung hat, was die Teufelsbibel eigentlich ist (eines der interessantesten Artefakte mittelalterlicher Kirchengeschichte), dass dieser Codex seinen Namen schon seit Jahrhunderten trägt und dass es sich dabei um das Nationalheiligtum von mindestens zwei europäischen Ländern handelt. Man hat den Titel wahrgenommen und den Teufel darin und hat eine Art geistigen Kurzschluss bekommen.

Schade. Und mehr als peinlich. Wenn ich bei Lesungen und Vorträgen gefragt werde, warum ich mich für das Mittelalter interessiere, antworte ich, dass unsere europäische Kultur, unser Nationalverständnis und nicht zuletzt unser christlicher Glaube vollkommen auf den geistigen und kulturellen Erkenntnissen des Mittelalters beruhen. Ich meine das vollkommen ernst. Nun hat das Mittelalter, das demzufolge immer noch um uns ist, mich eingeholt.

Kreuzritter in England

Juni 22nd, 2007

Auf dem Flug nach Manchester habe ich genügend Zeit zum Lesen, nicht zuletzt wegen einer Überfüllung des Flugraums, die uns eine zusätzliche Stunde auf der Startbahn in München festhält. Meine Lektüre ist DIE GESCHICHTE DER KREUZZÜGE von Steven Runciman, ein umfangreicher, hervorragend geschriebener Wälzer aus den 50er Jahren, der durch sein Gewicht allein schon für Übergepäck sorgt. Er inspiriert mich zu einem neuen Romanprojekt, zu dem Szenen, Plotwendungen und Charaktere seitdem fleißig durch mein Bewußtsein schweben.

Die Umgebung meines Wirkungsortes hier in England ist zwar nicht sonderlich mittelalterlich (ein riesiges neues Gewerbezentrum mit tatsächlich sehr schön angelegten Grün- und Wasseranlagen); dafür nehmen meine Kollegen mich zum Pasta-Essen mit, und ich habe das seltsame Vergnügen, mein Abendessen in England auf Italienisch zu bestellen. Natürlich tue ich das nur, um den Neid der englischen Kollegen hervorzurufen …

Wie es aussieht, habe ich keine größeren Fettnäpfchen getroffen während meiner beiden Tage hier. Michael, ein Kollege aus Irland, hat versprochen, mir einen „nudge“ zu geben, wenn ich mich versehentlich unenglisch benehme. Bis jetzt konnte ich die freundlichen Rippenstöße noch vermeiden.

Und in meinem Unterbewußtsein melden sich hartnäckig die Herren Godefroy de Bouillon, Raymond de Toulouse und Bohemund von Sizilien, weil sie in meinem neu entdeckten Romanprojekt eine Rolle spielen wollen.